Für unser Selbstwertgefühl ist es enorm wichtig, dass wir unsere Stärken erkennen und unsere großen und kleinen Erfolge wertschätzen. Aber auch unsere Schwächen und Fehler sollten wir nicht unter den Tisch fallen lassen. Sie gehören dazu, wenn wir mit uns eins sein wollen. Und nur das macht uns wirklich stark: dass wir uns als Ganzes annehmen. Dass wir sowohl unsere Licht- als auch unsere Schattenseiten akzeptieren können.

Die unerreichbare Latte

In unserer Gesellschaft ist es üblich, dass wir sehr viel von uns verlangen. Etwas gut zu können reicht uns einfach nicht, um uns wertvoll zu fühlen. Wir müssen es besser als andere können, damit wir mit uns zufrieden sind. Dieser Anspruch macht uns langfristig aber nicht glücklich, da er eigentlich Unmögliches verlangt. Es gibt immer jemanden, der irgendwo besser ist. Und schließlich können nicht alle aus der Masse herausragen, oder?

Der Druck, der dadurch entsteht, hindert uns daran, unser wahres Potential zu entfalten. Kreativität braucht Gelassenheit, nicht Stress. Ehrgeiz und Perfektionismus können uns anspornen und weiterbringen, solange wir nicht zu verbissen werden. Zum Lernen gehören auch Umwege, Misserfolge und Fehler. Im Beruflichen wie im Privaten werden wir besser, je mehr Fehler wir zulassen!

Schwächen zu haben gehört zu unserer menschlichen Natur. Wir wollen sie aber nicht wahrhaben, wir schämen uns für sie und wollen sie vertuschen. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, eine Schwäche zu erkennen, weil zB etwas schiefgelaufen ist, reagieren viele von uns mit sehr harter Kritik gegen sich selbst. Niemals würden wir einen Freund oder eine Freundin so streng beurteilen. Und die meisten von uns würden auch die Latte für andere nicht so hoch hängen wie für sich selbst.

Fragen Sie sich: Wann waren/sind die Ansprüche, die ich an mich selbst gesetzt habe, zu hoch? Wann muss ich der/die Beste sein, um mit mir selbst zufrieden zu sein?

Auf Kosten anderer…

Da wir uns so unbarmherzig kritisieren, wenn wir uns unzulänglich fühlen, ist es verständlich, dass wir uns sehr schlecht fühlen, wenn wir unsere hoch gesteckten Ziele nicht erreichen. Um unser Ego trotzdem aufzupolieren setzen wir oft andere herab, um uns im Vergleich zu ihnen besser zu fühlen. Wir finden irgendeinen Bereich, in dem wir besser sind als andere. Gescheiter, toleranter, etc. Wir haben einen besseren Geschmack, die richtige politische Gesinnung oder eine besonders gute Menschenkenntnis …

Wenn ich das Gefühle habe, ich muss besser sein als Sie, wie realistisch werde ich mich dann einschätzen? Werde ich in Streitsituationen meinen Anteil erkennen oder sehe ich die Fehler nur bei meinem Gegenüber? Gestehe ich mir ein, dass ich nicht ganz richtig gehandelt habe oder rede ich mich irgendwie heraus. Wenn ich z.B. am Morgen unausgeschlafen und daher grantig bin, sage ich vielleicht „der Film war so spannend“ und nicht „ich habe ein Problem damit, mich an meine eigenen Zeitpläne zu halten“.

Auf diese Weise können wir uns vorübergehend wohler in unserer Haut fühlen. Wachsen können wir allerdings dann, wenn wir zu unseren Schwächen stehen. Wenn ich mir einen Fehler bewusstmache und die Verantwortung dafür übernehme, habe ich es auch in der Hand etwas zu ändern oder etwas zu lernen.

Fragen Sie sich: Welche Seiten von sich selber möchten Sie am liebsten nicht sehen? Gibt es irgendetwas an Ihnen, das Gefühle von Scham, Unsicherheit oder Unzulänglichkeit auslöst? Denken Sie daran, dass es unsere menschliche Grundverfassung ist, unvollkommen zu sein.

Der Kritiker in uns

Wenn mir etwas missglückt ist und ich mir eingestanden habe, dass ich es nicht richtig angegangen bin, habe ich den ersten Schritt gemacht. Wie geht es weiter? Wenn jetzt der innere Kritiker auf den Plan tritt und an mir herummeckert oder gar schwere Vorwürfe erhebt, fühle ich mich nur noch schlechter.

Der wichtigste Schritt ist daher, mich dafür nicht fertigzumachen, sondern mit Mitgefühl zu reagieren. Okay, ich hab´s verbockt, dass kann jedem passieren. Menschen sind nicht perfekt, sonst wären sie keine Menschen. Und aus Fehlern lernen wir am allermeisten.

Es ist eigenartig, aber für die meisten Menschen ist Selbstmitgefühl ziemlich schwierig. Bei anderen tun wir uns um vieles leichter, Fehltritte und Schwächen zu akzeptieren. Als gute Freundin bauen wir den anderen auf, wenn er Mist gebaut hat. Wir kennen seine Schwächen und mögen ihn trotzdem. Wahre Liebe ist bedingungslos, wir verschenken sie aus einem inneren Bedürfnis heraus, und nicht weil der/die andere perfekt ist. Meiner Freundin kann ich Ausrutscher verzeihen, sie aufbauen und trösten. Und genau so kann ich auch mit mir umgehen. Mich selbst bedingungslos lieben, so wie ich bin.

Wenn ich in dieser Haltung bleibe, wird mein innerer Kritiker leiser werden. Ich werde nicht mehr so sehr auf ihn hören, mich immer weniger von ihm beeinflussen lassen.

Fragen Sie sich: Mit welchen Worten sprechen Sie zu sich selber, wenn etwas nicht so gelungen ist, wie Sie es sich vorgestellt haben? Wie gut gelingt es Ihnen, freundlich mit sich umzugehen, auch wenn Sie denken, nicht gut genug zu sein?

…und weiter?

Viele Menschen haben Angst, dass sie sich nicht mehr weiterentwickeln, wenn sie sich voll und ganz akzeptieren, so wie sie sind. Sie befürchten, dass sie sich gehen lassen würden und keine Motivation mehr hätten, sich zu verbessern und dazuzulernen.

Das ist aus meiner Erfahrung nicht der Fall. Im Gegenteil: wir können uns viel freier entfalten, wenn wir sein können, wie wir sind. Dann entwickeln wir uns von innen heraus, so wie ein Baum, der sein Potenzial entfaltet, wenn er nicht immer wieder zurückgeschnitten wird.

Der Wunsch, über uns hinauszuwachsen ist uns in die Wiege gelegt. Als kleine Kinder haben wir viel Freude daran gehabt, immer neue Fähigkeiten zu entdecken und Erkenntnisse zu sammeln. Wenn wir uns nicht ständig kritisieren und unter Druck setzen, können wir diese angeborene Neugier wieder neu entdecken.

Fragen Sie sich: Was interessiert mich wirklich? Wo möchte ich mich weiterentwickeln, was möchte ich besser können? Setze ich mich unter Druck oder gebe ich mir die Zeit, die ich brauche?

So ausgerüstet kann uns das nächste Fettnäpfchen, in das wir treten, nicht umhauen. Wir wissen, dass Peinlichkeiten und Fehler zum Menschsein gehören, wir machen uns dafür nicht fertig. Vielleicht nehmen wir das Malheur sogar mit Humor? Natürlich übernehmen wir die Verantwortung für unseren Ausrutscher, und falls jemand anderer davon betroffen ist, entschuldigen wir uns. Auf jeden Fall gehen wir freundlich mit uns um, trösten uns und reden uns gut zu. Und falls der Wunsch in uns entsteht, etwas dazuzulernen, damit uns der gleiche Fehler nicht nochmal passiert, dann arbeiten wir daran.

Buchtipp:

Kristin Neff, Selbstmitgefühl – Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden. 2012

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wortsonate

5 Monaten ago

Schwächen gehören einfach zu mir, das nehme ich an. Aber im Moment wachse durch die Pflege über mich hinaus, und entdecke immer wieder neue Fähigkeiten.

Martina Weissenböck

5 Monaten ago

Vielen Dank für deinen Kommentar! Es freut mich, dass du auch in einer schwierigen Situation auf dich achtest. Ich wünsche dir alles Gute weiterhin!

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Mag. Martina Weissenböck

Psychotherapeutin
Klinische Psychologin
Zertifizierte Lebensberaterin
Supervisorin, Coach

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