Haben Sie auch schon einmal eine Gelegenheit verpasst, weil Sie davon ausgegangen sind, dass es ohnehin nicht klappen wird? Vielleicht haben Sie sich für eine Stelle nicht beworben, die Sie wirklich interessiert hätte. Befürchteten Sie, nicht gut genug zu sein? Oder Sie haben eine Person, die Ihnen wirklich gut gefallen hat, nicht angesprochen. Dachten Sie, nicht interessant oder attraktiv genug zu sein? Das alles könnten Hinweise auf ein mangelndes Selbstwertgefühl sein. Wie wir unser Selbstwertgefühl stärken können, möchte ich in diesem Artikel näher beleuchten.

Das Gefühl für den eigenen Wert ist ein zentrales Bedürfnis des Menschen. Deshalb versuchen wir mit allen Mitteln, unseren Selbstwert zu heben. Eine beliebte Strategie ist es, sich Anerkennung von außen zu holen. Indem wir uns bemühen, cool sein, gut aussehen oder besonders viel zu leisten, sichern wir uns die Aufmerksamkeit von anderen. Oder indem wir uns selbstlos um andere kümmern und uns unentbehrlich machen.

Anerkennung von anderen hilft, dass wir uns wertvoll fühlen – macht aber in gewissem Sinne auch abhängig. Wir brauchen die Bestätigung immer wieder. Wenn dann einmal Kritik kommt, bricht die innere Sicherheit leicht zusammen.

Wenn wir uns aber aus uns selbst heraus wertvoll fühlen, fühlen wir uns nicht so schnell verunsichert. Dann brauchen wir uns nicht ständig zu beweisen. Wir können das Leben in vollen Zügen und in aller Ruhe genießen.

Hängt Selbstwert mit Erfolg zusammen?

Frau N. war eine erfolgreiche Business-Frau. Sie organisierte und moderierte Konferenzen, sprach vor großem Publikum, hielt Schulungen ab etc. Sie sah gut aus, war in ihrer Beziehung zufrieden und verdiente gut.

Trotzdem kam sie zu mir in die Beratung. Sie litt ständig unter der Angst, Fehler zu machen. Diese Angst raubte ihr oft den Schlaf und bescherte ihr Alpträume. Sie wurde nie kritisiert, weil es keinen Anlass dazu gab – trotzdem machte ihr die Vorstellung zu schaffen, dass sie kritisiert werden könnte. Das trieb sie dazu, alles perfekt zu machen und sie investierte in ihre Vorbereitungen sehr viel Zeit und arbeitete auch noch zu Hause und teilweise sogar im Urlaub weiter. Sie war dementsprechend erschöpft und ausgelaugt.

Sie wünschte sich gelassener zu bleiben und an sich selber glauben zu können. Uns wurde bald klar, dass sie dieses Ziel nur erreichte, wenn sie tief in ihrem Inneren von ihrem Wert überzeugt wäre. Dann würde Kritik sie nicht mehr aus der Bahn werfen und sie könnte gelassener arbeiten, ohne die ständige Angst, etwas falsch zu machen.

Was bedeutet Selbstwertgefühl?

Ein hoher Selbstwert entsteht, wenn wir eine liebevolle, positive Sicht auf uns selbst haben. Diese Wertschätzung uns selbst gegenüber erzeugt ein gutes Gefühl, nämlich das Selbstwertgefühl.

Dabei geht es aber gerade nicht darum zu werten, sondern zu akzeptieren. Mich selbst so annehmen, wie ich bin, bedeutet, bedingungsloses Ja zu mir selbst zu sagen. Wir haben eine angeborene Sehnsucht nach diesem Ja zu uns selbst, und trotzdem fällt es den meisten von uns schwer.

Der Grund dafür liegt in unseren frühen Erfahrungen. Vereinfacht gesagt: Wenn Eltern nicht ausreichend auf ein Kind eingehen, haben wohlgemeinte Erziehungsversuche eine fatale Auswirkung: Das Kind bekommt das Gefühl, dass es nur geliebt wird, wenn es sich auf eine bestimmte Art und Weise verhält und nicht um seiner selbst willen. Dadurch versteckt es mehr und mehr sein wahres Selbst und versucht den Wünschen der Eltern zu entsprechen.

Wenn also die Eltern nicht bedingungslos Ja zu ihrem Kind sagen, wird es auch selbst nicht mehr aus vollem Herzen Ja zu sich sagen. Es wird sich von sich selbst entfernen.

Die meisten von uns haben diese Erfahrung bis zu einem gewissen Grad gemacht. Deshalb suchen wir als Erwachsene immer noch nach Anerkennung von anderen, statt uns selbst zu bejahen.

Was ein geringer Selbstwert mit uns macht

Michael Lehofer beschreibt sehr eindrücklich, wie existenzbestimmend der Selbstwert für uns ist: „Der schwache Selbstwert vermittelt einem, dass man im Theater des Lebens ohne gültige Eintrittskarte sitzt. Das macht nervös. Man könnte jederzeit kontrolliert werden, als blinder Passagier auf der Lebensreise entlarvt und hinauskomplementiert werden.“ Diese Sorge trieb auch Frau N. um. Sie befürchtete, dass ihr Publikum entdecken könnte, dass sie gar nicht so perfekt ist, wie sie erscheint.

Viele von uns kennen dieses Gefühl – und wir möchten dem natürlich entkommen. Das macht uns anfällig für alle möglichen Versprechungen. Die Werbung nützt das aus. Sie verspricht uns eine Aufwertung durch verschiedene Produkte und Dienstleistungen, die uns schöner, jünger, toller, gescheiter etc. machen. Letztendlich gewinnen jedoch nur die Verkäufer dieser Produkte. Unsere Bedürfnisse werden von ihnen ausgenützt und zu Geld gemacht. Unser Selbstwert bleibt dabei aber letztendlich auf der Strecke.

Was ein guter Selbstwert bringt

  • Wenn wir es schaffen, zu uns selbst bedingungslos Ja zu sagen, sind wir nicht so leicht manipulierbar.
  • Wir setzen uns weniger unter Druck, besonders viel zu leisten oder für andere da zu sein. Dadurch können wir den Blick mehr auf uns selber richten und für unsere eigenen Bedürfnisse sorgen.
  • Ein gutes Selbstwertgefühl macht uns auch beziehungsfähiger. Wir können uns auf den Partner/die Partnerin einlassen, wenn wir uns unserer selbst sicher sind. Dann lieben wir den anderen um seiner selbst willen. Wir brauchen ihn nicht, damit er uns bestätigt und so unsere Bedürftigkeit lindert.
  • Das Ja zu uns macht lebendigere Begegnungen möglich. Bei jedem guten Gespräch, auch wenn es nur eine kurze Unterhaltung ist, findet ein gedanklicher und emotionaler Austausch statt. Wenn man sich dabei vom anderen berühren lässt, verändert man sich, sowie auch der andere sich verändert. Die Bereitschaft, sich verändern zu lassen, braucht innere Sicherheit.
  • Nicht zuletzt sind wir erst dann wirklich kritikfähig, wenn wir ein gewisses Maß an Selbstwertgefühl besitzen. Ansonsten können uns kritische Rückmeldungen sehr verunsichern und wir neigen dazu, uns als ganze Person in Frage zu stellen. Sind wir hingegen als Person gefestigt, können wir kritische Aussagen gelassen prüfen und entscheiden, ob wir sie annehmen oder nicht.

Hat Selbstwertgefühl mit Narzissmus oder Egoismus zu tun?

Vielleicht schrecken Sie davor zurück, sich selbst als wertvolle Person anzusehen. Sie könnten als selbstverliebt oder egoistisch wahrgenommen werden. Nach meiner Erfahrung ist das nicht der Fall. Egoisten sind Menschen, die kein Mitgefühl für andere haben. Sie holen sich gierig die Zustimmung von anderen und nehmen dabei Nachteile für die anderen in Kauf. Sie brauchen so sehr die Anerkennung von außen, weil sie sich nicht aus sich selbst heraus wertvoll fühlen können. In Wirklichkeit haben sie also ein schwaches Selbstwertgefühl. Genauso verhält es sich bei Narzissten. Ein Narzisst verehrt sich selbst und kann niemand anderen wertschätzen. Er bläht sich auf, um die eigene Unsicherheit vor sich und vor anderen zu verbergen. Wer sich selbst hingegen wirklich liebt, kann auch andere uneingeschränkt wertschätzen. Wenn wir unsere guten Seiten genießen und dabei anerkennen, dass alle Menschen ihre Stärken und Schwächen haben, können wir unsere positiven Eigenschaften zeigen – ohne Arroganz oder Überheblichkeit. Wir können unsere Schönheit anerkennen, nicht weil wir besser sind als andere, sondern weil wir Menschen sind und als solche die Schönheit der menschlichen Natur ausdrücken.

Was das Selbstwertgefühl wirklich wachsen lässt

Wie schon erwähnt nützt es nur wenig, wenn wir uns bemühen, möglichst viel positives Feedback einheimsen. Es funktioniert deshalb nicht, weil dieses Feedback nicht bedingungslos ist. Das bedeutet, dass wir nur dann gut genug sind, wenn wir etwas geleistet haben und nicht, weil wir einfach so sind, wie wir sind. Damit setzen wir das fort, was von Anfang an unser Selbstwertgefühl beschädigt hat.

Das bedingungslose Ja

Wir brauchen bedingungslose Zustimmung. Sie lässt uns wachsen ohne eine bestimmte Richtung vorzugeben. Sie lässt uns unseren eigenen Weg finden und gehen.

Gute FreundInnen können uns das geben. Oder wohlwollende Verwandte, LehrerInnen, Vorgesetzte… es kann aber auch eine zufällige Begegnung auf der Straße sein. Ein Ja das von Herzen kommt, kann in einem Augenblick passieren, ein Lächeln im Vorbeigehen. Das JA in uns entsteht, wenn wir Menschen begegnen, die uns dieses JA bedingungslos schenken können. Einfach so, ohne dass wir es „verdient“ haben.

Versuchen Sie, Ihre Wahrnehmung auf Situationen zu richten, wo Sie dieses JA geschenkt bekommen. Vielleicht entdecken Sie, dass es nicht nur Menschen sind, sondern das Leben selbst, das Ja zu uns sagt.

Sich selbst annehmen

Letztendlich geht es darum, dass wir zu uns selbst Ja sagen. Dass wir alle Wertungen loslassen und uns so annehmen, wie wir sind. Lernen Sie sich selbst als Gesamtkunstwerk kennen. Mit Ihren Vorzügen, Ihren Kanten und Ecken und Ihrer ganzen Einzigartigkeit. Wir sind wie Bäume: je nachdem auf welchem Boden sie gewachsen sind, wie viele Nährstoffe und Licht sie bekommen haben oder wie sie seine Wurzeln ausbilden konnten, sind sie mehr oder weniger hoch, dicht belaubt oder gerade gewachsen. Keine zwei Bäume sind gleich, und jeder ist ein Wunderwerk für sich.

Auch die guten Seiten anerkennen

Stehen Sie zu Ihren guten Seiten. Schätzen Sie Ihre wertvollen Eigenschaften und Fähigkeiten, auch wenn Sie diese für nicht besonders halten. Wie Kristin Neff schreibt „Die Tatsache, dass wir atmen, gehen, essen, Sex haben oder einen Freund umarmen können – das alles sind großartige Fähigkeiten, die definitiv gefeiert werden müssen, auch wenn alle anderen Menschen ebenfalls diese Fähigkeiten haben … Wie erstaunlich diese Fähigkeiten sind, erkennt man meist erst, wenn man eine davon verloren hat.“

Auf sich achten

Betrachten Sie Ihr eigenes Leben als wertvoll. Nehmen Sie sich wichtig und kümmern Sie sich um Ihre Bedürfnisse. Seien Sie freundlich zu sich und behandeln Sie sich genauso gut wie einen guten Freund/eine gute Freundin. Trösten Sie sich, wenn etwas nicht gelungen ist, verzeihen Sie sich, wenn Sie einen Fehler gemacht haben. Ermutigen Sie sich, fordern Sie sich, aber überfordern Sie sich nicht.

Auf das Schauen, was im Leben gut ist

Was in Ihrem Leben, soll so bleiben wie es ist? Das sind die Dinge, die gut laufen, die ok sind, oder angenehm. Zugleich sind das oft die Dinge, die wir als selbstverständlich ansehen. Eine Familie, die uns liebt, Freunde, die uns unterstützen, ein sicherer Job usw.

Wenn wir das, was da ist, würdigen und dankbar annehmen, sind wir auch mit uns selbst zufriedener.

Authentisch Handeln

Tun Sie das, was Sie für richtig halten, unabhängig davon wie andere sich verhalten. Stehen Sie zu Ihren Grenzen. Wenn wir uns selbst annehmen, können wir mehr und mehr unserem wahren Wesen entsprechen. Dann wagen wir es auch, uns zu zeigen so wie wir sind, ohne Maske. Wenn wir uns unseren Werten gemäß verhalten, wächst wiederum unser Selbstwertgefühl.

Erwarten Sie von sich nicht, dass Sie alle diese Vorschläge von heute auf morgen umsetzen. Es kann ein längerer Prozess sein bis die innere Haltung sich verändert. Konzentrieren Sie sich auf einen Punkt nach dem anderen. Beginnen Sie mit dem, was Ihnen am leichtesten fällt. Und wenn sich wieder eine Gelegenheit bietet, die Sie nicht verpassen sollten, dann greifen Sie zu, weil Sie es sich wert sind!

 

Buchtipp

Michael Lehofer, Mit mir sein – Selbstliebe als Basis für Begegnung und Beziehung, 2017

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Mag. Martina Weissenböck

Psychotherapeutin
Klinische Psychologin
Zertifizierte Lebensberaterin
Supervisorin, Coach

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